"Nosferatu" für Menschen mit Behinderungen (und alle anderen)

Quelle: Ostsee-Zeitung, 30. Juli 2021 | Text, Fotos: Nicole Hollatz

Das gibt es in diesem Umfang in ganz Deutschland nicht noch einmal. Die Politik fordert Inklusion, alle wollen es, aber keiner gibt Geld. Und Wismar macht es einfach!", sagt Andreas Conrad, Projektleiter für den Bereich "Barrierefrei" im Wismarer Theatersommer. Barrierefrei heißt, dass für Menschen mit Seh- oder Hörbehinderungen jedes Jahr eine auf ihre Bedürfnisse und Sinne angepasste Aufführung angeboten wird. Andreas Conrad: "Am 1. August um 16 Uhr laden wir zu einer Theatervorstellung mit zusätzlicher Übersetzung in Gebärden-, Schriftsprache und Audiodeskription." Audiodeskription heißt, Andreas Conrad erzählt das, was auf der Bühne passiert, was Menschen mit Sehbehinderungen nicht sehen können. Diese Theatergäste bekommen über Kopfhörer die Informationen zusätzlich zu dem, was auf der Bühne gesprochen wird – eine Frage des Timings.

Für Menschen mit Hörbehinderungen wird der Text der Schauspielerinnen und Schauspieler auf der Bühne in Gebärdensprache übersetzt, live von einer Schriftdolmetscherin mitgeschrieben und auf die Leinwand projiziert zum Lesen – nicht jeder versteht die Gebärdensprache. Und ja, natürlich können auch Gäste ohne Behinderungen noch Karten für diese besondere Aufführung bekommen und so Inklusion live erleben.

Der Inklusionsgedanke beim Theaterprojekt in Wismars Georgenkirche geht aber seit Jahren deutlich weiter. Rosita Lange, Sandra Schulz, Sophia Sabel, Jasmyn Rudat und Jürgen Räther agieren auf und hinter der Bühne mit. Sie sind ein Teil der "Charakterköpfe" - einer Theatergruppe mit Mitarbeiter*innen der Wismarer Werkstätten GmbH. Seit April 2015 proben sie einmal in der Woche an unterschiedlichen Theaterstoffen. Angeleitet und unterstützt werden sie von Katrin Rienow, einer freischaffenden Künstlerin aus Wismar, ihrer Kollegin Astrid Wolfram sowie Doris Kloth vom Sozialen Dienst der Werkstätten. Zusammen mit den professionellen Schauspielerinnen und Schauspielern sind sie vor jeder Aufführung aufgeregt, spielen mit, sind geduldig und holen sich den Schlussapplaus ab.

Thilo Werfel als einer der Geschäftsführer der Wismarer Werkstätten GmbH: "Inklusion ist mittendrin und nicht nur dabei!" Das ist zu spüren. Regisseur Holger Mahlich hat auch das Stück für den diesjährigen Theatersommer geschrieben, gibt seinen "Charakterköpfen" noch letzte Hinweise vor der Premiere. Sandra Schulz, Rosita Lange und Jasmyn Rudat schlüpfen mit Schminke und Kostümen in Männerrollen. In der Kleidung der 1920er Jahre spielen sie Sargträger.

Ihr Timing muss auf der Bühne stimmen, ihre Bewegungen müssen zu denen eines Sargträgers passen, auch wenn der Theatersarg leicht und leer ist. Kein Problem für die teils erfahrenen Laiendarsteller. Schon bei den vorherigen Inszenierungen – beim "Jedermann", beim "Faust" und beim "Drache" – waren sie mit auf der Bühne mit teils viel komplexeren Szenen. Nun ist es ein kurzer Auftritt im coronabedingt kürzeren Stück.

Katrin Rienow (links) zitiert einen der Leitsprüche der Lebenshilfe: "Wir brauchen verschiedene Menschen, damit die Welt sich dreht." Man wolle keine Trennung zwischen Behindertentheater und normalem Theater: "Wir wollen diese verschiedenen Menschen gleichermaßen auf der Bühne agieren sehen. Sie sollen gleichermaßen Wertschätzung und Applaus erfahren." Man sehe den Menschen auf der Bühne nicht an, dass sie ein Handicap haben. Katrin Rienow: "Sie fühlen sich gleichwertig, das ist das große Ziel!" Sie begleitet die Gruppe zusammen mit Astrid Wolfram (rechts) seit Jahren und hat die Menschen auf der Bühne wachsen sehen. Astrid Wolfram weiß, das Theaterspiel auf der großen oder auch auf kleineren Bühnen bringt den Menschen mehr Selbstbewusstsein. "Sie wissen zwar, sie sind keine Stars, aber sie sind auch mit auf der Bühne und unterscheiden sich nicht von den anderen."

Die Inklusion wirkt in beide Richtungen. Für Regisseur Mahlich war der Start des Wismarer Projektes seine erste intensive Begegnung mit Menschen mit Behinderungen, für manch einen der Profis auf der Bühne in den vergangenen Jahren genauso. "Das Projekt baut Hemmschwellen ab", sagt Doris Kloth von den Wismarer Werkstätten.

Und ja, es darf und muss gelacht werden bei dem Stück, auch über die Sargträger. Denn das, was da in St. Georgen auf die Bühne kommt, ist nicht gruselig. Auch wenn der Wismarer Urvampir "Nosferatu" die Hauptrolle spielt. Die Dreharbeiten in Wismar von 1921 werden nachgestellt, Robert Glatzeder spielt Friedrich Wilhelm Murnau, den damaligen Regisseur. Und seine Assistentin, die "Fröhliche", wunderbar gespielt von Traudel Sperber, die vom Chef für alles die Schuld bekommt und mit ihren Reaktionen für viele Lacher und etwas Mitleid im Publikum sorgt.

Mit Klappe und Kamera in den Kostümen der 1920er wird der Drehtag lebendig – die (moderne) Kamera mit der historischen Verkleidung projiziert das, was die Darsteller der Schauspieler vor 100 Jahren spielen, gleich in Schwarz-Weiß auf die große Leinwand in der Kirche. Die wunderbar übertriebene Gestik und Mimik, die zu Stummfilmzeiten das gesprochene Wort im Vergleich zur Theatervorstellung ersetzen musste, sorgt nun für ein lachendes Publikum. Beispielsweise von Nosferatu persönlich. Max Schreck spielte 1921 die Rolle seines Lebens, nun ist es Dietmar Lahaine, der wie ein treuer Hund mit unechten Vampirohren in die Kamera schaut und übergroß schwarz-weiß projiziert für Grinsen sorgt. Bis die Szene im Kasten ist, die Schauspieler wieder sprechen dürfen und sich um ihre kleinen und großen Wehwehchen als Stars kümmern und den Regisseur an den Rande des Wahnsinns treiben.

Schaurig-schöne Stummfilmmusik entstand genauso extra für das Stück: Thomas Bittermann (Schlagzeug), Mathis Marks (Bass) und Christian Thadewald-Friedrich (Orgel, Komposition) spielen live und entführen in die Zeit, als die Bilder laufen lernten.

Einblicke in die Theatervorstellung

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